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Feb 12

„Zur Almruh´“ – Das Stückfragment

Zum Stück:

„Zur Almruh´“ ist ein performatives Theaterfragment, das auf der Basis der gleichnamigen Vorlage, geschrieben von Wolfgang Gulis, von der Theatergruppe Dagmar unter der Regie von Jürgen Gerger Anfang Februar 2019 im Jugendzentrum Echo zur Aufführung gelangte.

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Frau Verderber und Herr Reiter @johnnywhatphotography

Zum Inhalt:

Das Stück spielt in einem imaginären Ort in Österreich, in einer entlegenen Pension, in der Asylwerber untergebracht sind. Ein Flüchtlingshelfer Herr Reiter kommt seinen Klienten besuchen. Burkay Seraffettin lebt dort als Flüchtling. Er kommt aus den kurdischen Gebieten der Türkei. Er ist bereits vor einigen Jahren nach Österreich gekommen.

Der Flüchtlingshelfer, der als Psychotherapeut bei einer NGO engagiert ist, bemüht sich, Herrn Burkay im Asylverfahren zu unterstützen und gleichzeitig ihn zu unterstützen, die grausamen Verfo

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Frau Verderbers Tanz mit Burkay, Herr Verderber weiß nicht wie ihm geschieht. @johnnywhatphotography

lgungen und Folterungen, die er erlebt hat, zu bewältigen. Herr Burkay hält das Warten auf den Bescheid kaum mehr aus.

Just an dem Tag gibt es auch eine Kontrolle durch die verantwortliche Abteilung des Landes. Frau König, eine resolute Beamtin, die unter den Flüchtlingen gefürchtet ist und auch mit Hilfsorganisationen und Helfern oft im Streit liegt, kommt den Gasthof besuchen. Herr Reiter und Frau König kennen sich aus vielen Zusammenhängen und treffen immer wieder aufeinander – durchaus nicht konfliktfrei.

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Burkay erzält seine Geschichte. @johnnywhatphotography

Weiters spielen noch die „Wirtsleute“ eine wichtige Rolle; Herr Verderber, der Besitzer des Gasthofes und seine Frau, die ursprünglich aus NRW/Deutschland stammt; beide sind für die Versorgung der Asylwerber*innen verantwortlich. Allerdings leitet Frau Verderber den Betrieb. Herr Verderber ist für die bäuerlichen Aktivitäten und Reparaturen zuständig. Mehr geht bei ihm auch nicht, da er alkoholkrank ist. Der Gasthof liegt sehr entlegen, in über 1.000 Meter Seehöhe und war früher Ausflugsziel für Sommerfrischler und Wanderer. Dieses Geschäft läuft aber schon lange nicht mehr. Die Existenz der Beiden hängt von der Beherbergung der Asylwerber*innen ab. Ausgerechnet an diesem Tag schneit es heftig und bald wird den Beteiligten klar, dass die beiden Gäste nicht mehr zurück in die (Landes) Hauptstadt fahren können. Die Straßen sind blockiert. Die „Gäste“ müssen im Gasthof bleiben.

 

Schauspieler*in:

Jürgen Gerger – Herr Reiter, Herr Verderber

Eva Hofer – Frau Verderber, Frau König

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Frau König streitet mit Herrn Reiter. @johnnywhatphotopgraphy

Omid Salek – Burkay Seraffettin

 

Regie: Jürgen Gerger

Text: Wolfgang Gulis

Musik: Wolfgang Gulis

Dank an das Team des Jugendzentrums ECHO und JUKUS, sowie dem Theater im Bahnhof und Anton Hüttmayr für Sounds und Geräusche.

Textauszug:

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Frau König denkt nach und kritzelt herum. @johnnywhatphotography

Herr Reiter: „Grüß Gott!“

Frau Verderber:„Tür zu!“,

Verderber: „Der Herr Reiter! Was wollen Sie schon wieder hier?“

Reiter setzt sich an die Bar. Sie widmet sich den Gläsern.

Reiter: „Bei so einer netten Begrüßung, Frau Verderber, möchte man gleich zum Essen bleiben.“

Verderber: „Was soll das heißen?“

Jürgen: Reiter: „Nichts, nichts, wieso…“

Verderber: „Naja, weil, woher wissen Sie, dass …“

Reiter: „… war nur Spaß“, …

Verderber: „Sie waren ja erst letzte Woche da?“

Reiter:„… Na, na Sie sind ja ein richtiger Wachhund.“

Verderber: „… Naja, man muss schon…“

Reiter: „… im Gefängnis ist er ja nicht, oder?“

Verderber: „Nein, … aber es kann auch nicht jeder einfach so …

Reiter: „Ein jeder …“

Verderber: „…kommen.“

Reiter: …kommt ja auch nicht, sondern ich.“

Frau Verderber: „Paah. Eben alles muss man sein: Aufpasserin, Köchin, Putzfrau, Sozialbetreuerin… da soll man noch den Kopf behalten. Und dann  gibt’s dauernd Kontrollen, mir wird das langsam schon zu viel, das sag ich Ihnen. Und dann kommen sie auch noch…“

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Frau König hört Burkays Text zu und versteht nix. @johnnywhatphotography

Visionen eines Gastwirts. Es tritt auf Herr Verderber:

Es war einmal ein Jäger, der ging zu Wald in eine öde Wildnis, dort zu jagen. Da kam er einem Tiere auf die Fährte, als er dieses aber endlich entdeckte, wünschte er es nimmermehr gesehen zu haben, denn es war ein mächtiges Einhorn, welches sich gegen ihn stellte. Eilig wandte er sich zur Flucht, und stets verfolgte ihn das Einhorn, bis er auf eine steile Felswand kam, deren schroffen Abhang tief unten die Wellen eines dunklen Sees bespülten.

In dem See schwamm ein ungeheurer Drache, der den Rachen gähnend aufriss, und plötzlich glitt der Jäger aus, und wäre gerade hinab in den See und in des Drachen Schlund gestürzt, wenn er nicht an einem – einer Felsritze entsprossten – Strauch sich festgehalten hätte. Da war nun des Jägers Lage eine todängstliche. Droben stand, wie ein Wächter das schreckliche Einhorn, drunten lauerte auf seinen Hinabsturz der greuliche Seedrache. In dieser Not ward seine Angst und Qual aber noch vermehrt, denn mit einem Male erblickte er zwei Mäuse, eine weiße Maus und eine schwarze Maus; die begannen an den Wurzeln der Staude zu nagen, und der Jäger vermochte nicht, sie hinweg zu scheuchen, weil er sich mit beiden Händen anhalten musste.

So musste er jeden Augenblick gewärtig sein, dass die Wurzeln des Strauchs diesen nicht mehr halten würden. Über ihm stand ein Baum, von dem träufelte süßer Honig nieder, und gar zu gern hätte der Jäger diesen Baum erlangt, denn damit meinte er aller Qual erledigt zu sein, und über den Baum vergaß er aller ihm drohenden Gefahr. Wir wissen nicht, ob es ihm gelungen, aus seiner dreifachen Qual erlöst zu werden, oder ob die Mäuse des Strauches Wurzeln ganz abgenagt haben?

Radioapparat:
In unserem schönen Land gibt es heute überall – zum Teil heftige – Schneefälle. Die Temperaturen liegen bei – Minus 4 Grad bei etwa 800 Meter und -1 Grad in tiefen Lagen. Besonders heftig wird der Schneefall heute bis gegen Abend, vor allem im Norden, sowie dem Nordosten. Da können es bis in die Abendstunden bis zu 70-80 cm werden. Aus der Landeswarndienstzentrale wurde uns mitgeteilt, dass die Schneeräumgeräte bereits im Einsatz sind, dennoch kann es in entlegeneren Gebieten zu zwischenzeitlichen Straßensperren kommen.“

Reiter: „Na bravo. Dann sollte ich dazu schauen, dass ich bald weg komme, damit ich nicht…

….

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Burkay verteibt sich die Zeit, während andere über ihn reden. @johnnywhatphotography

Burkay, Tagebuchauszug:

 „Ich schreibe seit ich klein bin. Ich schreibe über meine Flucht. Ich schreibe seit ich klein bin über meine Flucht die mir nicht gelingt. Aus dieser Welt sage ich immer. Aus dieser Welt. Der aus einem Dorf kommt in dem die hohen Berge Üppigkeit nicht zulassen die wilde Winde schicken die Schneestürme bis ins Tal begleiten die keine Wiesen aufkommen lassen. Der der aus einem Dorf kommt das in der Kargheit nicht auszuhalten ist weil nur Stein und Geröll über den Häusern liegt und nichts wächst außer Schafe und Ziegen die sich von dem Nichts ernähren können. Die sterben wenn es Feste zu feiern gibt dann wird man wissen was man mit all den Teilen machen kann mit den Teilen aus dem das Ganze besteht. Dann wird man im Dorf Bescheid wissen aus welchen Teilen  das Schaf besteht und was davon sie ernähren kann – wie ein Puzzle zusammengesetzt. Und was ist denn schon der Mensch anderes  als ein Puzzle aus vielen verschiedenen Teilen zusammengesetzt. Nur anders. Ich schrei

be weil ich da in der Einöde nichts anderes kann.“

Nun Papa, ich halte inne. Denke darüber nach, was dich interessieren hätte können, wenn wir uns so nah gewesen wären, dass ich dir einen Brief hätte schreiben können. Und dann, was ich Dir erzählen hätte wollen, nachdem wir uns so nah waren, wie ich es mir nicht gewünscht hatte.

Als wir nebeneinander, verprügelt und gedemütigt, mit unseren Schmerzen und stinkend, in unserem eigenen Kot, Blut und Urin lagen und in der gleichen Lage waren. Da hatte ich Mitleid mit dir, mehr als mit mir selbst und ich schämte mich dafür, dass ich für meinen Vater Mitleid empfand. Da war ich nicht mal 19. Und dass mein Vater zur gleichen Zeit das gleiche erlitt, wie ich, dass wir auf Augenhöhe waren, das machte aus mir etwas. Weißt du Vater, man sieht es uns an. Auf meiner Reise begegnen mir viele, denen man es ansieht, dass sie auch dort gelegen sind und etwas in sich tragen, was mehr als nur der Schmerz ist, denn sie zu ertragen hatten. Aber Papa, dir sieht man nichts mehr an, gar nichts.

 

 

König: Auf jeden Fall lassen wir uns das von euch nicht mehr länger gefallen, dass ihr uns die ganze Zeit so hin stellst, als würden wir die Flüchtlinge schlecht behandeln und willkürlich agieren.

Reiter: „Aber gut behandelt tut ihr sie auch nicht, oder?“

König: „Na was denn. Sie sehen doch, wie wir uns bemühen. So gut, wie es halt geht. “

Reiter: „Ging aber schnell?“

König: „Was? … Wir haben … haben uns das schon viel zu lange gefallen…

Reiter: „Ich meine, die Inspektion…“

König: „Was? … Inspektion?“

Reiter: „Ich meine, die ging aber schnell die Inspektion!“

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Und dann war das Malheur passiert. @johnnywhatphotography

König: „Ah so, der Rundgang. Ja, warum, waren eh überall unterwegs? Haben uns eh alles angeschaut. Auch den Sanitärbereich, der ist tipp-topp.“

Reiter: „Weil er heute ordentlich geputzt worden ist!“

König: „Das ist sauber und basta. Sie haben ihn nicht gesehen. Also seien sie still. Und wenn alles gut ist, brauch ma da jetzt net lang….

Reiter: „Wollen sie sagen, dass hier alles in Ordnung wäre?“

 

Frau König: „Na was brütet ihr da aus? Können´s auch nicht schlafen?

reiter: „Na net so richtig.“

König: „Was läuft?“

Reiter: „Der Herr Burkay hat seinen Text vorgelesen.“

König: „Wos?“

Reiter: „Ja dem Burkay seinen Text.“

König: „Der schreibt?“

Reiter: „Er schreibt.“

König: „Wos und sie können türkisch?“

Reiter: „Nein eben nicht, er schreibt es auf Deutsch.“

König: „Des gibt’s jo net.“

Reiter: „Doch, das gibt’s. Ich hab´s nur verbessert.“

König: „Und wos schreibt er?“

Setzt sich dazu.

Reiter: „Na, er schreibt sein Leben auf.“

König: „Wie ist er darauf kommen?“

Reiter: „Na er schreibt immer schon gerne, hat er mir erzählt und ich hab´s ihm vorgeschlagen, aus therapeutischer Sicht…“

König: „Aha und das…“

Reiter: „Ja das kann er, und wie!“

König: „Kaum zu glauben.“

Reiter: „Ist aber so. Wollen Sie was hören?“

König: „Naja hab eh nichts besseres zu tun.“

Reiter: „ Wären sie einverstanden, wenn die Frau König es auch hört?“

Burkay nickt : „ … Der Schmerz an meinem Ohr reißt  mich aus meinen Tagträumen. Meine Mutter holt mich von meinem Lauschposten weg, denn ich habe einen Job zu erledigen und …

König: „Was für ein Lauschposten? Wenn ich fragen darf.“

Reiter: „Also er ist ein Bub und sitzt vor dem Zimmer, in dem der Opa mit den anderen Dorfältesten zusammen sitzt und beratschlagt.“

König: „Ah alles, klar, danke. Jetzt kenn ich mich aus.“

Burkay: … ah also… den Job zu erledigen, den … ja …habe ich noch nicht erledigt. Und deswegen habe ich Schmerzen am rechten Ohr. Ich muss die Ziegen holen und füttern. Na so was aber auch, dass es meine Mutter wagt, mich an den Ohren fortzuziehen. Noch ist mein älterer Bruder etwas zu jung, für das Dorfschützersystem, aber in zwei Jahren, ist es soweit. Und dann muss er Dorfschützer werden, wenn es Opa nicht gelingt, das Schicksal abzuwenden vom Dorf. Ich werde sicher kein Dorfschützer. Ich mag die Peschmergas viel lieber, die sind geheimnisvoll. Auch wenn ich im Moment, an den Ohren gezogen zu einer niedrigen Arbeit von Mutter getrieben, nicht so heroisch da stehe. Nicht so, wie man das von einem zukünftigen Peschmerga erwartet….

Frau König: „Was sind die Dorfschützer und was ist ein Peschmerga?“

Reiter (seufzt): „Also das Dorfschützersystem … wie erklär ich das.“ Überlegt. „Die türkische Regierung hat das eingeführt. Alle jungen Männer – so ab 15, glaub ich – werden militärisch trainiert, erhalten Waffen und werden in Einheiten zusammen gezogen, um das Dorf gegen die kurdischen Freischärler – die Peschmergas – zu verteidigen.

Burkay: „Man muss sich entscheiden. Entweder für Regierung oder für Peschmerga.“

Frau König: „Ah so, danke.“

Burkay: „…Wenn sie in der Nacht auftauchen und plötzlich da sind und flüstern und rauchen und bei Opa im Wohnzimmer sitzen, nur die Chefs natürlich, da darf nicht ein jeder rein. Und dann mit vollen Säcken wieder gehen, so leise und unauffällig, wie sie gekommen sind. Das ist schon aufregend.“

Frau König: „Einen Moment bitte, ich muss mir was zum Trinken holen.“

Reiter: „Na dann warten wir halt auf das auch noch.“

Omid: Burkay: „Hat das Sinn?“

Reiter: „Ja, ja,… vielleicht bekommt sie dann mehr Verständnis für ihre Lage.“

Burkay nickt.

König: „So da la, perfekt. Jetzt könn ma weiter machen.“